Montag, 30. November 2015

Sturm

Tropfen klopfen ans Fenster, nachts heult der Wind vorm Haus wie ein wilder Hund, da ist es noch gemütlicher, sich ins warme weiche Bett zu kuscheln.

Samstag, 28. November 2015

Quirl

Unten stehen die Windräder fest auf der Erde, oben aber quirlen sie den Nebel so gründlich, dass man die Flügel fast nicht erkennen kann.

 

Freitag, 27. November 2015

Drei Jahre und ein Tag

Auf dem Weg zur Autobahn stehen an einer Ampel sieben, acht Wandergesellen in ihrer Kluft. Zwei nehme ich mit zur Auffahrt, einen Zimmerer und einen Schlosser, sie wollen aber nach Süden. Auf der kurzen Fahrt erzählen sie, dass sie erst nach drei Jahren und einem Tag wieder in ihre Heimat dürfen. Als Gepäck haben sie nur ein paar kleine kompakte Bündel dabei, eins enthält ihre Arbeitskleidung, ein anderes ihr Werkzeug und das dritte alles andre Lebensnotwendige.

Donnerstag, 26. November 2015

Gentleman

Der Achtklässler, der noch ganz in der Pubertät steckt, hat doch schon einen Blick für gute Sitten und trägt mir wie ein Gentleman die schwere Tasche in die Klasse.

Mittwoch, 25. November 2015

Geheimnisse

Die Bäume sind entblättert, und nun sieht man ihre sonst versteckten Geheimnisse: einer hängt voller Misteln, im anderen ist ein Vogelnest in eine Astgabel eingewebt, da hängen noch jede Menge rote Äpfel für hungrige Schnäbel. Und alle zeigen ihre schönen harmonischen Ast- und Zweigstrukturen.

Dienstag, 24. November 2015

Weihnachtsbaum

Im Café wird es plötzlich unruhig, und dann erscheinen zwei Männer, einer hat den Weihnachtsbaum an der Spitze gepackt, ein anderer am Stamm, und sie transportieren ihn mit vereinten Kräften in den Nebenraum, wo er als Dekoration aufgestellt wird.

Montag, 23. November 2015

Hänger

Herr Raabe spult sein Konzert perfekt ab, nur einen winzigen Hänger gibt es, der ihn aber sympathisch macht, weil er ihn nicht vertuscht, sondern einfach weitersingt und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Sonntag, 22. November 2015

Samstag, 21. November 2015

Ehepaare

Zwei Entenehepaare watscheln gemächlich über die Straße, ohne sich um die Autos zu kümmern.

Donnerstag, 19. November 2015

Sternstunde

Meine beiden Teenager, die sich gerne mal in die Haare bekommen, haben eine Sternstunde gehabt: in meiner Abwesenheit hat die eine für die andere gekocht, sie haben Kuchen gebacken und die Küche besser hinterlassen als zuvor. Fröhlich schwenkt nun die Jüngere auf dem Weg zum Kuchenverkauf die Plastikbox.

Mittwoch, 18. November 2015

Glücks"pfennig"

In dem Moment, als ich auf den Rinnstein sehe, kommt die Sonne heraus und lässt eine kleine Metallscheibe kupfern leuchten. Als ich genau hinschaue, ist es eine Centmünze, die ich als Glücksbringer aufhebe.

Dienstag, 17. November 2015

Abenddämmern

In der Abenddämmerung fliegt der Fischreiher talaufwärts, mit ruhigem Flügelschlag seinem Schlafbaum entgegen. Manchmal sitzt er auf dem First unseres Hauses und starrt hungrig hinunter zu den Forellen im Bach.

Montag, 16. November 2015

Enthusiasmus

Der kleine Hund der Freundin überschlägt sich schier vor Freude, als ich zu Besuch komme; er springt an mir hoch, tanzt auf zwei Beinen und kriegt sich gar nicht mehr ein. Jeden Besuch begrüßt er mit demselben Enthusiasmus.

Sonntag, 15. November 2015

Z

Die schmale Sichel des zunehmenden Mondes blitzt immer wieder kurz zwischen den dahineilenden Wolken hervor, und ich muss an Christian Morgensterns Galgenlied denken, in dem er den Mond als "völlig deutschen Gegenstand" bezeichnet, weil man mit der Sichel - je nach Richtung - ein "z" oder ein "a" für "abnehmend" schreiben könnte.

Freitag, 13. November 2015

Rosi

Die alte Dame im dünnen altrosa Pulli ist in der Dunkelheit mit ihrem Rollator unterwegs. Sie ruft immerzu nach ihrer Katze: "Rosi, Rosi, wo bist du denn, Kätzchen?" Als ich sie besorgt frage, ob sie denn nicht friere und wohin sie denn so leicht angezogen wolle, meint sie ganz gelassen, sie mache nur ihren kurzen Abendspaziergang, und das Kätzchen gebe es gar nicht wirklich. 
Dann biegt sie zielsicher zum Seniorenheim ab und lässt mich verwirrt zurück.

Donnerstag, 12. November 2015

Springbrunnen

Dem heiligen Kilian ist jemand in seinen Brunnen gestiegen - der städtische Arbeiter reinigt im Morgenlicht das Brunnenbecken vom Sommerdreck und Herbstlaub.

 

Mittwoch, 11. November 2015

Laterne, Laterne

Durch die abendlichen Gassen ziehen die singenden Kindergartenkinder und die dörfliche Blaskapelle, die Kinder tragen stolz ihre selbstgebastelten Laternen mit den kleinen Lichtern darin vor sich her.

Dienstag, 10. November 2015

Balance

Auf dem Mäuerchen läuft ein rot und rosa gekleidetes Mädchen; sie ist nach Schulschluß mit den Nachrichten auf ihrem Handy beschäftigt, verliert aber trotzdem nicht das Gleichgewicht.

Montag, 9. November 2015

Teppich

Unter den Ahornbäumen in der Ringstraße breitet sich ein dichter goldgelber Teppich aus Laub aus, während sich die Kronen langsam lichten.

Sonntag, 8. November 2015

Schattenriss

Vor dem weißen von der Morgensonne durchstrahlten Nebel-Hintergrund wirkt die Silhouette des Dorfes wie ein Schattenriss.

Samstag, 7. November 2015

Schlange

Über dem Fluss schwebt eine lange schmale Nebelschlange, sie zieht alle Windungen zwischen den Weinbergen nach, die schon in der Sonne liegen.

Freitag, 6. November 2015

Ginkgo

Auf der Juliuspromenade ein kurzes Innehalten: dort liegen goldene Ginkgoblätter auf dem Boden, und ich suche zwei besonders schöne, um sie mitzunehmen und zwischen zwei Buchseiten zu trocknen.

Donnerstag, 5. November 2015

Akzente

Im Pleicherviertel stehen zwei alte Frauen in der Haustür und unterhalten sich in der Herbstsonne miteinander, eine von ihnen spricht mit demselben Zungenschlag wie meine Großmutter aus dem Sudetenland. Mich durchfährt ein schmerzhafter Stich: diese Welt wird bald verschwunden sein, niemand wird mehr mit diesem Akzent sprechen.

Mittwoch, 4. November 2015

Fangen

Was macht ein Eichelhäher nur im Nußbaum? 
Er spielt Fangen mit zwei Elstern und einer Kohlmeise.

Dienstag, 3. November 2015

CDs

Die Blätter des Mirabellenbaums sind alle abgefallen, in den Zweigen drehen sich nur noch die glitzernden CDs, die schon lange keinen Vogel mehr abschrecken müssen.

Montag, 2. November 2015

Wettstreit

Während die Sonne von oben versucht, den Nebel aufzulösen, wird von unten Rauch aus den Schornsteinen als Ersatz nachgeblasen, so dass es eine ganze Weile dauert, bis die Strahlen es endlich schaffen durchzudringen und nun einen weiteren warmen Herbsttag versprechen.

Sonntag, 1. November 2015

Suche

Am dunkelnden Abendhimmel ist eine Schar laut krächzender Krähen unterwegs, die sich wohl nicht einigen können, welches der perfekte Schlafbaum ist.