Mittwoch, 30. Dezember 2015

auf dem Schlauch

Auf dem Parkplatz ruft jemand meinen Namen, aber ich kann kein bekanntes Gesicht entdecken. Erst beim zweiten Mal erkenne ich meinen Chef - nach so vielen Tagen Urlaub verstehe ich auch seine Scherze erst, als er sie mir erklärt.

Dienstag, 29. Dezember 2015

Taschenträger

Der Schüler läuft neben seiner Mutter durch die Stadt und trägt dabei ihre Handtasche, er findet ganz offenbar nichts dabei.

Montag, 28. Dezember 2015

Begegnung

Vor dem türkischen Lebensmittelladen fragt mich eine Kundin, die mir aus dem Laden nacheilt, ob ich denn auch wisse, wie man den Bulgur zubereitet, den ich gekauft hatte. Ihr Mann und ihr Enkel kommen hinterher, und innerhalb von wenigen Minuten habe ich die halbe Lebensgeschichte der Familie erfahren, und wir wünschen uns zum Abschied gegenseitig alles Gute.

Sonntag, 27. Dezember 2015

Nebelsonne

Am späten Morgen bricht die Sonne malerisch durch den Nebel, vom Balkon aus tauchen Bäume und Stromleitungen auf, während die Spatzen munter wie im Frühling lärmen.



Freitag, 25. Dezember 2015

Mensch-ärgere-dich-nicht

Die beiden Teenager spielen mit ihrer Oma Mensch-ärgere-dich-nicht, eine Runde nach der anderen und haben Spaß dabei. So viel Idylle ist noch ein zusätzliches Weihnachtsgeschenk.

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Fliege

Als die Christmette aus ist, drängeln sich alle im Mittelgang, nichts geht mehr. Neben mir schütten sich zwei Jungs in Hemd und mit Fliegen um den Nacken aus vor Lachen über selbsterfundene Witze und relativieren so ihr schickes Outfit auf nette Art und Weise.

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Bienen

Um die Christrosen im Freigelände der Gärtnerei schwirren zu meiner großen Verblüffung (und meinem leisen Entsetzen) Bienen, um den letzten Nektar einzusammeln. Bienen im Dezember.

Dienstag, 22. Dezember 2015

Tee trinken

Beim abendlichen Treffen bei der Freundin gibt es zum netten Gespräch und den selbstgebackenen Plätzchen einen außergewöhnlich leckeren Tee.
Was für eine nette Überraschung, als wir dann beim Verabschieden jede ein Päckchen in die Hand gedrückt bekommen.

Montag, 21. Dezember 2015

schwebend

Im Dunkel scheint die angestrahlte Festung über der Stadt zu schweben, während ihr Spiegelbild zitternd im Main schwimmt.




Sonntag, 20. Dezember 2015

drei

Auf dem Weihnachtsmarkt stehen die drei etwas abseits, nur miteinander beschäftigt: die Mutter hat ihr Baby auf den Bauch geschnallt, sie reibt ihre Nase an der des Kinds, das dieses Necken wunderbar findet. Der Mann steht hinter seiner Frau und lächelt still vor sich hin - das erste Weihnachten zu dritt.

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Hunger

Der kleine Junge in seinem Sitzchen im Einkaufswagen wird an der Wand mit den Brötchen und dem Gebäck vorbeigeschoben, er ist wohl sehr hungrig, denn er stößt Protestlaute aus, so dass seine Eltern ihm rasch ein Käsebrötchen herausfischen. Schon beim ersten Bissen geht ein freudiges Strahlen über sein Gesicht, und alles ist wieder gut.

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Thermoskannen

Im Thermoskannen-Outlet stiefelte ich zielstrebig in die Kantine, weil dort eine Wand von oben bis unten mit allen Modellen in allen Farben dekoriert ist so dass ich das von der Ferne für den Verkaufsraum hielt.

Dienstag, 15. Dezember 2015

Baumbewohner

Die Silhouette des Baums gegen den hellen Nebel: auf den äußersten Zweigen scheinen noch Blätter zu hängen. Beim genaueren Hinsehen ist es aber ein Schwarm kleiner Vögel, die sich dort niedergelassen haben.

Montag, 14. Dezember 2015

Selbstgespräch

An der Ampel steht ein Schulmädchen und wartet auf Grün für die Fußgänger. Dabei spricht sie ununterbrochen mit sich selber und lächelt mir ein bißchen verlegen zu, als ich zuerst Grün bekomme und im Auto an ihr vorbeifahre.

Samstag, 12. Dezember 2015

Gesprächskreis

An der stillgelegten Tankstelle steht eine Gruppe Tannenbäume im Kreis und neigt die Spitzen zueinander, als ob sie miteinander sprechen würden.

Freitag, 11. Dezember 2015

en passant

Eigentlich will ich nur schnell den Kirchplatz überqueren, um ein Buch abzuholen. Aber da steht sie in ihrer zu langen roten Jacke, die alte Dame, klammert sich an ihren Rollator und fragt mich ganz ungeniert aus: woher ich komme, wohin ich gehe, wo ich wohne, mit wem ich verwandt bin. (Wir kennen uns nämlich gar nicht.) Sie wartet, dass jemand vorbeikommt, den sie kennt, denn eigentlich soll gleich ein Treffen stattfinden, aber die Uhrzeit hat sie vergessen und wo es genau ist, weiß sie auch nicht mehr. Zurück ins Seniorenwohnheim will sie aber auch nicht gehen. Ich schicke sie ins Pfarrheim, um zu fragen, ob dort jemand etwas weiß und mache mich schnell auf den Weg zur Buchhandlung.

Donnerstag, 10. Dezember 2015

prima Ballerina

Da steht eine Dreijährige wie angewurzelt mit nach außen gedrehten Füßen in rosa Stiefelchen auf der Gasse. Die Mutter ist schon ein Stück weiter, als sie sich suchend umdreht und erstaunt fragt: "Was machst du denn da?" Die Kleine grinst, und als ich sage: "Ballett, das sieht man doch!", da lacht sie lauthals und kann gar nicht mehr aufhören, noch als ich über den Markt gehe, schallt ihr Lachen hinter mir her.

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Gecko

Da liegt ein kleiner grüner Plastikgecko auf dem Pflaster, aus der Tasche eines Kinderanoraks entflohen, und nun weiß er nicht, wohin. Ich gebe ihm eine neue Heimat bei der Kastanie in meinem Mantel.

Dienstag, 8. Dezember 2015

schwebender Stern

Vom Kirchturm hängt ein goldener vielstrahliger Stern, der von unten betrachtet am Himmel zu schweben scheint.

Montag, 7. Dezember 2015

Federwolken

Die Landschaft ist schon im Dunkel versunken, in der Abendsonne leuchten nur noch die Federwolken am Himmel, über den ein paar Flugzeuge wie kleine Insekten schwirren.

Sonntag, 6. Dezember 2015

bunt

Das Fachwerkhaus ist naturfarben verputzt, die Fensterläden grau gestrichen. Aber irgend jemand wollte etwas mehr Farbe und hat an einem Fenster eine
bunte Fähnchen-Girlande angebracht.
 

Samstag, 5. Dezember 2015

Pech für den Nikolaus

In der Gasse der schwäbischen Kleinstadt hat das Auto der Bäckerei gehalten, um Brötchen für die Wurstbraterei nachzuliefern. Leider sind die aufeinander gestapelten Kisten umgefallen, und die meisten Brötchen kullern auf der Straße herum. Drei Männer mit Nikolausmützen und etwas missmutigen Gesichtern sammeln sie wieder ein.

Freitag, 4. Dezember 2015

Augenblick

Aus dem Büro der Fabrik schaut einer heraus, als ich hineinsehe, und kurz treffen sich unsere Blicke, so dass wir einander zulächeln.

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Mensch

Bei der Weihnachtsfeier den sechs Wochen alten Sohn der Kollegin ein wenig umhertragen: was für ein kleiner Mensch, der doch ganz unmißverständlich seine Bedürfnisse kundtut.

Mittwoch, 2. Dezember 2015

UMFe

An der Bushaltestelle sitzt ein UMF mit schwarzen Locken über sein Handy gebeugt, auf dem er hin- und herwischt; an der nahen Ampel warten zwei weitere auf Grün für die Fußgänger, während ich mit dem Auto vorbeifahre und mir überlege, was sie wohl alles durchgemacht haben im vergangenen Jahr und womöglich noch länger und wie ihr Leben weiter verlaufen wird, als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling hier in Deutschland.

Dienstag, 1. Dezember 2015

Lichter

Überall sind nun in dieser dunklen Zeit in den Fenstern Lichter zu sehen, meist elektrische, aber hier und da flackert auch eine echte Kerze.

Montag, 30. November 2015

Sturm

Tropfen klopfen ans Fenster, nachts heult der Wind vorm Haus wie ein wilder Hund, da ist es noch gemütlicher, sich ins warme weiche Bett zu kuscheln.

Samstag, 28. November 2015

Quirl

Unten stehen die Windräder fest auf der Erde, oben aber quirlen sie den Nebel so gründlich, dass man die Flügel fast nicht erkennen kann.

 

Freitag, 27. November 2015

Drei Jahre und ein Tag

Auf dem Weg zur Autobahn stehen an einer Ampel sieben, acht Wandergesellen in ihrer Kluft. Zwei nehme ich mit zur Auffahrt, einen Zimmerer und einen Schlosser, sie wollen aber nach Süden. Auf der kurzen Fahrt erzählen sie, dass sie erst nach drei Jahren und einem Tag wieder in ihre Heimat dürfen. Als Gepäck haben sie nur ein paar kleine kompakte Bündel dabei, eins enthält ihre Arbeitskleidung, ein anderes ihr Werkzeug und das dritte alles andre Lebensnotwendige.

Donnerstag, 26. November 2015

Gentleman

Der Achtklässler, der noch ganz in der Pubertät steckt, hat doch schon einen Blick für gute Sitten und trägt mir wie ein Gentleman die schwere Tasche in die Klasse.

Mittwoch, 25. November 2015

Geheimnisse

Die Bäume sind entblättert, und nun sieht man ihre sonst versteckten Geheimnisse: einer hängt voller Misteln, im anderen ist ein Vogelnest in eine Astgabel eingewebt, da hängen noch jede Menge rote Äpfel für hungrige Schnäbel. Und alle zeigen ihre schönen harmonischen Ast- und Zweigstrukturen.

Dienstag, 24. November 2015

Weihnachtsbaum

Im Café wird es plötzlich unruhig, und dann erscheinen zwei Männer, einer hat den Weihnachtsbaum an der Spitze gepackt, ein anderer am Stamm, und sie transportieren ihn mit vereinten Kräften in den Nebenraum, wo er als Dekoration aufgestellt wird.

Montag, 23. November 2015

Hänger

Herr Raabe spult sein Konzert perfekt ab, nur einen winzigen Hänger gibt es, der ihn aber sympathisch macht, weil er ihn nicht vertuscht, sondern einfach weitersingt und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Sonntag, 22. November 2015

Samstag, 21. November 2015

Ehepaare

Zwei Entenehepaare watscheln gemächlich über die Straße, ohne sich um die Autos zu kümmern.

Donnerstag, 19. November 2015

Sternstunde

Meine beiden Teenager, die sich gerne mal in die Haare bekommen, haben eine Sternstunde gehabt: in meiner Abwesenheit hat die eine für die andere gekocht, sie haben Kuchen gebacken und die Küche besser hinterlassen als zuvor. Fröhlich schwenkt nun die Jüngere auf dem Weg zum Kuchenverkauf die Plastikbox.

Mittwoch, 18. November 2015

Glücks"pfennig"

In dem Moment, als ich auf den Rinnstein sehe, kommt die Sonne heraus und lässt eine kleine Metallscheibe kupfern leuchten. Als ich genau hinschaue, ist es eine Centmünze, die ich als Glücksbringer aufhebe.

Dienstag, 17. November 2015

Abenddämmern

In der Abenddämmerung fliegt der Fischreiher talaufwärts, mit ruhigem Flügelschlag seinem Schlafbaum entgegen. Manchmal sitzt er auf dem First unseres Hauses und starrt hungrig hinunter zu den Forellen im Bach.

Montag, 16. November 2015

Enthusiasmus

Der kleine Hund der Freundin überschlägt sich schier vor Freude, als ich zu Besuch komme; er springt an mir hoch, tanzt auf zwei Beinen und kriegt sich gar nicht mehr ein. Jeden Besuch begrüßt er mit demselben Enthusiasmus.

Sonntag, 15. November 2015

Z

Die schmale Sichel des zunehmenden Mondes blitzt immer wieder kurz zwischen den dahineilenden Wolken hervor, und ich muss an Christian Morgensterns Galgenlied denken, in dem er den Mond als "völlig deutschen Gegenstand" bezeichnet, weil man mit der Sichel - je nach Richtung - ein "z" oder ein "a" für "abnehmend" schreiben könnte.

Freitag, 13. November 2015

Rosi

Die alte Dame im dünnen altrosa Pulli ist in der Dunkelheit mit ihrem Rollator unterwegs. Sie ruft immerzu nach ihrer Katze: "Rosi, Rosi, wo bist du denn, Kätzchen?" Als ich sie besorgt frage, ob sie denn nicht friere und wohin sie denn so leicht angezogen wolle, meint sie ganz gelassen, sie mache nur ihren kurzen Abendspaziergang, und das Kätzchen gebe es gar nicht wirklich. 
Dann biegt sie zielsicher zum Seniorenheim ab und lässt mich verwirrt zurück.

Donnerstag, 12. November 2015

Springbrunnen

Dem heiligen Kilian ist jemand in seinen Brunnen gestiegen - der städtische Arbeiter reinigt im Morgenlicht das Brunnenbecken vom Sommerdreck und Herbstlaub.

 

Mittwoch, 11. November 2015

Laterne, Laterne

Durch die abendlichen Gassen ziehen die singenden Kindergartenkinder und die dörfliche Blaskapelle, die Kinder tragen stolz ihre selbstgebastelten Laternen mit den kleinen Lichtern darin vor sich her.

Dienstag, 10. November 2015

Balance

Auf dem Mäuerchen läuft ein rot und rosa gekleidetes Mädchen; sie ist nach Schulschluß mit den Nachrichten auf ihrem Handy beschäftigt, verliert aber trotzdem nicht das Gleichgewicht.

Montag, 9. November 2015

Teppich

Unter den Ahornbäumen in der Ringstraße breitet sich ein dichter goldgelber Teppich aus Laub aus, während sich die Kronen langsam lichten.

Sonntag, 8. November 2015

Schattenriss

Vor dem weißen von der Morgensonne durchstrahlten Nebel-Hintergrund wirkt die Silhouette des Dorfes wie ein Schattenriss.

Samstag, 7. November 2015

Schlange

Über dem Fluss schwebt eine lange schmale Nebelschlange, sie zieht alle Windungen zwischen den Weinbergen nach, die schon in der Sonne liegen.

Freitag, 6. November 2015

Ginkgo

Auf der Juliuspromenade ein kurzes Innehalten: dort liegen goldene Ginkgoblätter auf dem Boden, und ich suche zwei besonders schöne, um sie mitzunehmen und zwischen zwei Buchseiten zu trocknen.

Donnerstag, 5. November 2015

Akzente

Im Pleicherviertel stehen zwei alte Frauen in der Haustür und unterhalten sich in der Herbstsonne miteinander, eine von ihnen spricht mit demselben Zungenschlag wie meine Großmutter aus dem Sudetenland. Mich durchfährt ein schmerzhafter Stich: diese Welt wird bald verschwunden sein, niemand wird mehr mit diesem Akzent sprechen.

Mittwoch, 4. November 2015

Fangen

Was macht ein Eichelhäher nur im Nußbaum? 
Er spielt Fangen mit zwei Elstern und einer Kohlmeise.

Dienstag, 3. November 2015

CDs

Die Blätter des Mirabellenbaums sind alle abgefallen, in den Zweigen drehen sich nur noch die glitzernden CDs, die schon lange keinen Vogel mehr abschrecken müssen.

Montag, 2. November 2015

Wettstreit

Während die Sonne von oben versucht, den Nebel aufzulösen, wird von unten Rauch aus den Schornsteinen als Ersatz nachgeblasen, so dass es eine ganze Weile dauert, bis die Strahlen es endlich schaffen durchzudringen und nun einen weiteren warmen Herbsttag versprechen.

Sonntag, 1. November 2015

Suche

Am dunkelnden Abendhimmel ist eine Schar laut krächzender Krähen unterwegs, die sich wohl nicht einigen können, welches der perfekte Schlafbaum ist.

Samstag, 31. Oktober 2015

Masken

Es klingelt an der Tür, und vier große Gestalten mit weißen Masken drohen: "Süßes oder Saures!" Als sie die Verkleidung abnehmen, um zu schauen, welche Süßigkeiten im Körbchen liegen, sind sie einfach nur die netten Teenager, die ich schon aus Kindergartenzeiten kenne.

Freitag, 30. Oktober 2015

Perlenschatz

Der Tau verwandelt die zarten fast unsichtbaren Spinnennetze im Gras in glitzernde Perlenschätze.

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Pony

Das langbeinige Schulmädchen mit Pferdeschwanz und Pony nähert sich dem Zebrastreifen und trabt dann kurzentschlossen noch schnell ihren Schulkameraden nach, sie hüpft beinahe und wirkt wie ein übermütiges Fohlen.

Mittwoch, 28. Oktober 2015

überfressen

Die braune Biotonne hat sich wohl überfressen, sie ist so vollgestopft, dass ihr rechts und links noch Zweige mit Herbstblättern aus dem halboffenen Maul hängen.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Vorhang auf!

Vorhang auf! Der Nebel lichtet sich und gibt die Bühne frei für einen weiteren Akt des großartigen farbenfrohen Herbsttheaters.

Montag, 26. Oktober 2015

Himmelskörper

Den leuchtenden sonnigen Herbsttag krönt die Sonne mit einem orangeroten Finale, und nur eine Stunde später glänzt der große runde Vollmond am Nachthimmel, als wolle er das Spektakel fortsetzen.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Gänse

Die Martinsgänse weiden ganz unbekümmert auf der großen Wiese, nicht ahnend, was ihnen demnächst für ein Schicksal blüht.

Samstag, 24. Oktober 2015

Ständchen

Im Nachbarhof wird mit großem Tamtam der Schützenkönig abgeholt: die Blaskapelle spielt ein kleines Standkonzert, und es werden Getränke ausgeschenkt und Gebäck angeboten. Dann ziehen alle weiter zum Schützenhaus, wo die Feier im Warmen weitergeht.

Freitag, 23. Oktober 2015

beim dritten Mal

Die junge türkische Mutter, die ich schon zum zweiten Mal an derselben Stelle treffe, kündet mir lächelnd in leicht gebrochenem Deutsch an: "Dritte Mal: Kaffee trinken!"

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Schwan

Ein einzelner Schwan überquert den Main, er zieht kleine keilförmige Wellen hinter sich in den glatten Wasserspiegel, so dass die bunten Bäume in rhythmische Bewegung geraten.

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Holzofen

Der Holzofen ist wieder in Betrieb genommen worden: es knackt und bullert, und ein Geruch nach Wärme und Geborgenheit zieht durch die Luft.

Dienstag, 20. Oktober 2015

Nebelbäume

Die bunten Nebelbäume klettern hangaufwärts, werden immer blasser und verschwinden weit oben in den Wolken.

Montag, 19. Oktober 2015

Abendvögel

Die Abendvögel zwitschern heute Abend so munter, als wollten sie den Frühling herbeisingen.

Sonntag, 18. Oktober 2015

Gartenstuhl

Die Bauerngärten sind herbstlich aufgeräumt. Nur ein orangeroter Gartenstuhl steht verloren herum und wartet auf die letzten Sonnenstrahlen.



Samstag, 17. Oktober 2015

Nähe

Der ältere Mann mit dem Haarkranz legt beschützend den Arm um seine mollige Partnerin, die ihn an der Hüfte umschlungen hält. So gehen die beiden quer über den Platz und strahlen an diesem kühlen Herbsttag Wärme aus.

Freitag, 16. Oktober 2015

Kastanien

Mit geschlossenen Augen im Auto sehen: da steht ein Kastanienbaum am Straßenrand. Die Reifen lassen die Igelfrüchte platzen, katapultieren die glänzenden Kugeln zurück auf den Bürgersteig und zermalmen dabei leider auch einige.

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Duft

Im Hof stehen drei Körbe mit quietschgelben Quitten und duften. Und nachdem jetzt dreizehn Gläschen frisch gekochter Quittengelee in der Küche aufgereiht sind, duftet die ganze Wohnung auch.

Mittwoch, 14. Oktober 2015

König

Im Tagungshaus im Schloß rücke ich das Bett von der Wand, um eine Steckdose zu suchen. Zu meiner großen Überraschung liegt unterm Bett der König; er hat sich dünn gemacht und mit Eicheln getarnt: der Eichelkönig aus einem Schafkopfspiel hat die Gäste vor mir belauscht.

Sonntag, 11. Oktober 2015

Rausch

Herbstspaziergang. Sich noch einmal berauschen an den feurigen Farben, noch einmal Sonne trinken, den lauen Wind auf der Haut spüren. Auf einer grob gezimmerten Bank an ein Weinbergshäuschen gelehnt ins Tal hinuntersehen, der Fluss glitzert, die Ringelblumen leuchten. Ein Schmetterling schwebt vorbei, und über den geteerten Weg galoppiert das letzte Heupferdchen mit langen Sprüngen Richtung Winter.

Samstag, 10. Oktober 2015

Luftballons

Im kleinen Dorf steigt eine große Hochzeit. Ein junges Paar hat in jeder Hand eine Menge rote und weiße Herz-Luftballons, die die Gäste später steigen lassen wollen. Vorerst aber zappeln sie im kräftigen Wind, wehen um die Hausecke, und die beiden haben Mühe, die ungebärdigen Ballons zu bändigen.

Farbsymphonien

Die Herbstbäume in allen Farben spiegeln sich im Fluss: einige noch grün, andere golden, wieder andere rot und orange, auch ein paar braune sind darunter, und darüber strahlt der blaue Himmel mit weißen Wolken.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Rotkäppchen

Rotkäppchen ist erwachsen geworden. Sie fährt mit dem Fahrrad Schlangenlinien auf dem Bürgersteig, weil sie per Handy mit ihren Freundinnen chattet. Nur die knallrote Baskenmütze, die erinnert noch an früher.

Dienstag, 6. Oktober 2015

Nebelland

Die Berge der Rhön verstecken sich in den Wolken. Sobald man in die Täler kommt, lichtet sich die weiße Decke und ein fast unwirkliches Licht lässt die Landschaft in sanften Farben erstrahlen. 

Montag, 5. Oktober 2015

Backstube

Aus der duftenden Backstube kommt die Frau des Bäckers mit roten Wangen, einem strahlenden Lächeln und einem Blech voller süßer Teilchen. Und genau so schmecken später beim Frühstück die Brötchen.

Sonntag, 4. Oktober 2015

Dinosaurier

Das kleine Mädchen auf dem Flohmarkt hat sich in einen fingernagelkleinen blauen Dinosaurier verliebt und hält ihn ihren Eltern hoffnungsvoll entgegen. Die haben sich aber mittlerweile für eine praktische Krümelschutzmatte als Unterlage für den Autokindersitz entschieden und drücken ihr das viel größere Päckchen in die Hand. Zufrieden ziehen alle drei weiter. 
Nur der Dinosaurier findet diese Lösung nicht so toll.

Samstag, 3. Oktober 2015

Kratzer

Kondensstreifen: kleine helle Kratzer im makellosen Morgenhimmel, die wie von Zauberhand wieder verschwinden.

Freitag, 2. Oktober 2015

Erdmann

In der sonnigen Fußgängerzone haben es sich ein paar Motorradler in Lederkluft in Sesseln vor einem Lokal mit Getränken gemütlich gemacht. Nur einer steht aufrecht, um über die Büsche sehen zu können und dreht den Kopf hin und her wie ein Erdmännchen, um den Rest der Truppe zu erspähen, der wohl länger für die Tour gebraucht hat.

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Seifenblasen

In der Fussgängerzone steht ein Straßenkünstler vor dem Gebäude der Deutschen Bank und zieht mit einem Draht riesengroße Seifenblasen aus einem Eimer, die vor der Fassade in die Luft schweben und weit oben zerplatzen.

Mittwoch, 30. September 2015

Wollfabrik

In der Wollfabrik sitzen verloren ein paar Männer auf Bierbänken am Rande des Schnäppchenmarkts und warten gelangweilt, während ihre Frauen auf Beutezug sind. 
Später bekommen sie beim Bezahlen an der Kasse eine Tafel Schokolade als Anerkennung.

Dienstag, 29. September 2015

Pinkelpause

Nach der Pinkelpause hüpft die alte Frau neben ihrem Mann mit kleinen Hopsern zum Auto zurück und schwingt die Arme dazu, um ihre steifen Knochen nach der langen Fahrt wieder beweglich zu machen.

Montag, 28. September 2015

Picknick

Vier rumänische LKW-Fahrer haben sich auf dem Rastplatz an der Autobahn getroffen, um gemeinsam Mittag zu machen. Sie haben sich ein kleines Tischchen zwischen ihre Lastwagen gestellt, und jeder hat einen Stuhl mitgebracht; so verbringen sie miteinander die Pause im Sonnenschein und teilen ihr Essen.

Sonntag, 27. September 2015

Sonnenanbeter

Während seine Mitbürger bei 13°C mit kuscheligen Fleecewesten in den Sonntagmorgen walken, steht ein junger Mann nur mit Shorts bekleidet vor seinem Haus in der Sonne und telefoniert.

Donnerstag, 24. September 2015

rückwärts

Der Schüler, den ich jeden Morgen sehe, rennt heute früh in die andere Richtung: er hat wohl etwas Wichtiges vergessen, das er schnell noch holen muss.

Mittwoch, 23. September 2015

Huckepack

Der junge Mann trägt seine Freundin auf dem Rücken durch die Speicherstadt, einfach nur so, sie unterhalten sich lachend dabei.

Montag, 21. September 2015

Pause

Die Bauarbeiter nutzen ihre Pause für ein Schwätzchen auf dem Balkon mit Blick über die Speicherstadt.


Im Café

Die Stimmen, die du heimlich im Café hinter der Bäckerei hörst und deren Melodie du mit dem rechten Zeigefinger in der Luft nachfährst.

Donnerstag, 17. September 2015

Kissenwerfen

Ins Café kommt eine ganze Gruppe fröhlich saarländisch schnatternder Frauen mit einem stillen Quotenmann. Eine verteilt voller Energie die grünen und blauen Kissen, damit es keiner "kalt am Hintern" wird.

Idylle

Im verlassenen winzigen Aufenthaltsraum voller Rost und Staub in der Völklinger Hütte hängen hoch oben an der Wand idyllische Kalenderbilder, mit denen die Arbeiter sich ein wenig Schönheit und Ruhe in ihr schmutziges und anstrengendes Leben holten.

Schlangenbeschwörerinnen

Vom Balkon im ersten Stock hängt eine lange gelbe Wasserschlauchschlange hinunter und ringelt sich auf der Treppe. Zwei kleine Mädchen ziehen sie langsam wieder nach oben und kichern dabei. Ab und zu taucht wie im Kasperletheater ihr Vater auf, der hinter der Brüstung kauert.

Samstag, 12. September 2015

Putzen

Die türkische Nachbarin hat den Hausflur gesaugt, und weil sie gerade dabei ist, saugt sie nun auch noch die Fassade ab, soweit der Schlauch eben reicht.

Donnerstag, 10. September 2015

Perspektiven

Während der Opa im Discounter einkauft, haben die zwei Enkel sich abgeschnallt, die Seitenscheiben heruntergekurbelt und hängen mit den Oberkörpern im Freien. Sie unterhalten sich ganz begeistert über das Autodach hinweg und haben riesigen Spaß.

Mittwoch, 9. September 2015

Nikolaus

Dieses Jahr grüßen sogar noch vor Schulbeginn im Supermarkt die Nikoläuse, umgeben von Lebkuchen und Stollen, das Freibad hat bei über 20° noch offen.
Irgendwann treffen sie sich doch noch, Nikolaus und Osterhase...

Montag, 7. September 2015

Zaungast

Beim Auslichten der Hecke und des Wassergrabens von Efeu und Bodendeckern umschwirrt uns ein kleines fast zahmes Vögelchen, vielleicht ein Zilpzalp oder ein Zaunkönig, der neugierig zusieht und vielleicht nicht ganz einverstanden ist, dass seine Verstecke plötzlich weniger werden.

Sonntag, 6. September 2015

Frisur

Die alte Trauerweide am Ende der Straße hat Besuch vom Bauhof, die Mitarbeiter betätigen sich als Friseure und kürzen die Hippiemähne wieder ordentlich auf eine einheitliche kürzere Länge.

Freitag, 4. September 2015

Übungsflüge

Die Schwalben sammeln sich zu Übungsflügen, ruhen sich auf den Stromleitungen aus, verbreiten noch einmal Sommerstimmung mit ihren schrillen Lauten und werden doch eines Tages unbemerkt verschwinden bis zum nächsten Frühjahr.

Donnerstag, 3. September 2015

Monopoly-Häuschen

In den Dünen von Gouville stehen Dutzende kleine weiße Strandhäuschen mit knallbunten Dächern, die der Prospekt treffend als Monopoly-Häuschen bezeichnet. (Wahrscheinlich kostet es ein Vermögen, eins zu kaufen.)




Stickarbeit

Der Teppich von Bayeux mit den Augen einer Stickerin betrachtet: was für eine irre Fleißarbeit sind diese 70 Meter ausdrucksvoll gestickte Geschichte von Wilhelm dem Eroberer, eine Art Comic für alle, die nicht lesen konnten. Wie gern würde ich den Künstlerinnen sagen, dass ich sie bewundere für ihr Werk.

Möwen

Zwischen den Kaminen der Hafenstadt kichern die Möwen über die dreckigen Witze der Seeleute.

Lucerne d'Outremer

Gegen Abend Besuch einer Abtei-Ruine, fast keiner mehr unterwegs, ein paar Ziegen grasen nebenan, die Hortensien blühen zwischen den grauen Mauern still vor sich hin, aus einem Haufen Steine wächst ein grüner Farn. Ein riesiger runder Turm mit kreisrunder Himmelsöffnung oben und tausenden Nischen an der Innenwand - ein Taubenschlag als Zeichen des Wohlstands - beeindruckt die spärlichen Gäste.


Leere deinen Dachboden

"Vide-grenier"-Aktion in Carolles: Flohmarkt mit allen Sachen und Sächelchen, die in den Haushalten entbehrlich geworden sind, ein buntes Bilderbuch für Neugierige. Holzkohlegrills mit würzigem Duft und vorsichtiger Sonnenschein tragen zur Atmosphäre bei.

Roches de Ham

Von den Steilfelsen über der Vire kann man weit über die liebliche Landschaft blicken, Weiden und Wäldchen wechseln sich ab mit kleinen grauen Dörfchen, alles strotzt vor Grün. Später fast zwei Stunden lang mit dem Navi und den Angaben der Einwohner ein Schlößchen suchen, das immer kurz am Horizont auftaucht und unauffindbar scheint, nur um am Ende endlich vor dem Parktor stehend festzustellen, dass es in Privatbesitz ist und nicht besichtigt werden kann. Das stand nicht im Reiseführer.

Küssender Italiener

Der ehrwürdige Mont St. Michel ist zur Touristenattraktion verkommen, in Shuttlebussen eingepfercht werden die Massen übers Watt hin- und hergekarrt, es regnet tatsächlich einmal in Strömen. 
Aber es gibt einen einjährigen Italiener, der im Gedränge des Autobusses vom Arm seines stolzen Vaters aus großzügig Luftküsse an alle verteilt, die ihn ansehen und so gute Laune verbreitet.

Saxophone

Saxophonquartett mit modernen Interpretationen mittelalterlicher Musik in der alten Kathedrale: wenn man die Augen schließt, beginnt man in Farben zu schweben bei den langen Tonwechseln. 
Zwei Zuhörerinnen ist das aber zu modern, sie verlassen kichernd nach ein paar Stücken die Kirche.

Kathedrale in Coutances

Aus dem trüben Regenwetter eintauchen ins Dämmerlicht der Kathedrale: immer derselbe muffige jahrhundertealte Geruch nach feuchtem Holz und flackernden Kerzen. In der Stille ein wenig von der Ehrfurcht begreifen, die die Menschen früher angesichts der überwältigenden Größe der Säulen und des Kirchenschiffs erfasst haben muss, wenn sie aus ihren Holzhäusern und Hütten hierher kamen, um zu beten.


Balanceakt

Ein lässig angezogener Mann balanciert sein Mischlingshündchen auf der Schulter die Straße hinunter.

Markt in Granville

Über den Platz und durch die Stände zieht der Rauch der Merguez-Würstchen und Pommes frites, parfümiert die bunten Sommerkleider, Handtücher und die Marktbesucher.


Zirkus

Im kleinen Küstenort macht ein Wanderzirkus Station: ein buntes Zelt in der Mitte, drumherum Wägen und eine Weide mit Hochlandrind und Dromedar.

Silhouette

Die Raffinerie in Le Havre im Gegenlicht der sinkenden Sonne betrachtet: Türmchen und Städte einer phantastischen Stadt.

Dienstag, 4. August 2015

Hunger

Die beiden Teenager sind in die Stadt gefahren, um zu shoppen. Da sehen sie vor einem Laden einen Obdachlosen mit einem Schild sitzen: "Habe Hunger". Das rührt sie so, dass sie in der nächsten Bäckerei etwas zu essen kaufen und ihm geben.

Montag, 3. August 2015

Stoppelfelder

Die strohgelben abgeernteten Getreidefelder sehen ordentlich gekämmt aus; in breiten Strähnen liegt das Stroh zwischen schütteren Reihen geschnittener Halme.

Sonntag, 2. August 2015

Autokauf

Der kleine Junge hat auf dem Flohmarkt zum ersten Mal alleine ein Auto gekauft und zeigt es stolz seiner Mutter: das knallrote Müllauto hat einen Container zum Auf- und Abladen. Den übrig gebliebenen Euro schiebt er seiner Mutter in die Hosentasche: "Den kannst du wieder haben."

Samstag, 1. August 2015

Versteckspiel

Der Vollmond spielt Verstecken zwischen den Wolken.

Archiv 3

30. Juli 2015 alte Dame

Die alte Dame mit dem Rollator hat sich für ihren Spaziergang schick gemacht: zum gelben Sommerkostüm mit den blauen Biesen trägt sie einen dunkelblauen Strohhut. Nun legt sie ein Päuschen ein und nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche. Als ich ihr aus dem Auto zulächle, winkt sie freundlich mit der freien Hand.

28. Juli 2015 Fundstücke

Beim Ausräumen der Scheune sind alte Schätze aufgetaucht: der Hofbesitzer putzt das uralte Motorrad blank, seine Frau schaut sich den roten Puppenwagen an.

27. Juli 2015 alte Freunde

Spontaner Besuch eines alten Schulfreunds: in anderthalb Stunden zügig die letzten paar Jahre erzählen und dabei im anderen noch immer die Jugendlichen erkennen, die wir einmal waren.

26. Juli 2015 Siesta

Siesta im Freien: nur ein Vogelschwarm zwischen der weiten blauen Unendlichkeit und mir.

25. Juli 2015 Strohballen

Große runde Strohballen auf den abgeernteten Getreidefeldern: als ob Riesen ihre Murmeln dort vergessen hätten.

23. Juli 2015 Traktor fahren

Vier Teenager tuckern auf einem knallroten Traktor gutgelaunt durchs Dorf und haben so eine fröhliche Ausstrahlung, dass es keinem etwas ausmacht, dass sie eigentlich keine Vorfahrt hatten.

22. Juli 2015 Stoßseufzer

Der ferienreife Teenager, an dessen Schule es kein hitzefrei gibt, und ich schauen Werbung: "Energie auf Knopfdruck!" -
Da seufzt sie: "Ja, die bräuchte ich jetzt auch, diese Energie!"

21. Juli 2015 Schiffchen

Die vertrockneten Lindenblüten schaukeln wie kleine Schiffchen im großen Blau des Freibads.

20. Juli 2015 Autofahrer der Zukunft

Der Spieltisch im Drogeriemarkt hat ein eingebautes Lenkrad, daran kurbelt ein Dreijähriger und kommentiert wortreich sein Tun: "So, jetzt noch den Einkaufswagen ankuppeln und hinten die Mama, du musst dich aber anschnallen, Mama!" Als ich ihn frage, ob er denn auch schon einparken kann, gibt er ehrlich zu: "Nee, das muss ich noch lernen."

19. Juli 2015 Feuerwerk

Das Volksfest ist zu Ende, und die Lichtfontänen des Feuerwerks spiegeln sich im Fluss.

18. Juli 2015 Süß oder doch nicht?

"Das ist ja eine ganz Süße!" - Die blonde Mutter des dunkelgelockten Mädchens lächelt ein wenig gequält - vielleicht ist die Kleine nicht ganz so niedlich, wie sie ausschaut. 

17. Juli 2015 Wochenend und Sonnenschein

Die Kinder haben den Nachmittag im Schwimmbad verbracht und gehen nun in kleinen Grüppchen mit verstrubbelten nassen Haaren und bunten Handtüchern um den Hals nach Hause.

16. Juli 2015

Erntezeit: wer frisches Brot essen möchte, muss in Kauf nehmen, auch mal ein paar Kilometer hinter einem Mähdrescher herzukriechen.

15. Juli 2015

Die kleinen blonden Zwillingsbrüder kauern auf dem Parkplatz und sehen sich ganz vertieft irgendein kleines Tierchen an, das dort über den Boden krabbelt.

14. Juli 2015

Heimfahrt in der Dämmerung bei heruntergekurbelten Fenstern - lauer Wind und Grillenzirpen ziehen in Wellen herein.

13. Juli 2015

Am gestrigen schwülen Sommertag haben sich zwei Mädchen aus der Nachbarschaft mit Wassereimern bewaffnet und kühlen sich mit einer Wasserschlacht am Bach ab; bei jedem Treffer bleibt ihnen kurz der Atem weg, dann lachen sie und versuchen die andere zu durchnässen.

12. Juli 2015

Bei der Landwirtschaftsausstellung sind alle in einem Zelt untergebracht: die Besucher und das Vieh, so dass der Ochsenbraten ganz passend mit dem Geruch von Kuhfladen parfümiert wird und die Blasmusik mit Muhen, Gurren und Gegacker untermalt.

11. Juli 2015

Der Lavendel blüht und duftet, die Bienen hängen am kühlen Morgen betört im Lila und scheinen gar nicht wegfliegen zu können.

10. Juli 2015

Freitagnachmittag: eine Gruppe etwa zehnjähriger Mädchen ist mit einem Betreuer unterwegs, der in flottem Schritt vorausgeht, die Mädchen paarweise hinter ihm her, sie machen sich einen Spaß daraus und marschieren: eins, zwei, drei, vier, bis zur Straße. Dort kommt vorm Überqueren das Kommando: "Abteilung HALT!"

9. Juli 2015

Die Sonne ist untergegangen und die Sonnenblumen schauen etwas orientierungslos in alle Richtungen.

8. Juli 2015

Dem kleinen Jungen steht vielleicht eine Surferkarriere bevor, so mutig, wie er sich von außen an den Einkaufswagen der Mutter hängt und ihn mit seinen Bewegungen durch den Supermarkt zu lenken versucht.

7. Juli 2015

Das nicht mehr ganz taufrische Ehepaar trägt Partnerlook in kräftigen Sommerfarben: beide haben grüne Hosen an, er ein rosafarbenes Poloshirt, sie ein pinkes T-Shirt, und beide tragen Strohhüte mit einem bunten Stoffband auf dem Kopf.

6. Juli 2015

Durch die gepflasterte Fußgängerzone zieht eine ganze Truppe junge Dänen vom Campingplatz und erregen mit ihrer überschäumenden guten Laune und einem Bobbycar ohne Flüsterräder Aufmerksamkeit.

5. Juli 2015

Zwischen den tief ziehenden Regenwolken behauptet sich eine von der Sonne angestrahlte Schönwetterwolke.

4. Juli 2015

Die Jalousien lassen nur noch kleine Perlenketten aus Sonnenlicht durch, die sich über den Boden und die Möbel ziehen.

3. Juli 2015

Tosendes Wasser
und leuchtende Gischt: Schauspiel
für nur zwei Möwen.

2. Juli 2015

Da ist eine selten gewordene Spezies auf dem Weg von der Berufsschule zum Bahnhof: ein Punker mit stacheliger Irokesenfrisur.

1. Juli 2015

Die junge Frau mit dem Baby im Wickeltuch und der kleinen Tochter an der Hand hat Eis gekauft und stellt vor dem Supermarkt erschrocken fest, dass es ein Sechserpack war, von dem sie nur zwei braucht. So verschenkt sie die anderen vier an erstaunte Kunden auf dem Weg zu ihren glühenden Autos.

Archiv 2



30. Juni 2015

Durch die warme Sommerluft flattern Schwalben und ein Schwalbenschwanz, und wenn es so warm bleibt, werden die Taubenschwänzchen auch nicht lange auf sich warten lassen.

29. Juni 2015

Ein erboster Spatzen-Stormshit geht auf die Katze nieder, die betont lässig am Gebüsch entlangschlendert.

28. Juni 2015

In der warmen Sommernacht beim Grillenzirpen und mit dem gluckernden Bach vorm Tor die duftenden frisch gewaschenen Laken im Mondlicht aufhängen - da macht sogar die Hausarbeit noch Freude...

27. Juni 2015

Der Spiegel des Flusses liegt so glatt vor dem alten Städtchen, dass noch eine Stadt darunter entsteht.

26. Juni 2015

Auch am Abend stecken die beiden Jungs noch voller Energie und spielen Fangen und Verstecken im Supermarkt, dass die Küchentuchpyramiden ins Wanken geraten. Einer wird schließlich an der Kasse ausgerufen: der Vater ist fertig mit dem Wochenendeinkauf, und es geht nach Hause.

25. Juni 2015

Die junge Floristin hat hinter dem Haus Kardendisteln abgeschnitten und nimmt sie in Zeitungspapier gewickelt mit zur Arbeit, denn dort kann sie das "Unkraut" in Gestecken verarbeiten und verkaufen.

24. Juni 2015

Der Vater und sein kleines Töchterchen machen einen Abendspaziergang durch die Wiesen, sie gehen Hand in Hand in der leuchtenden Sonne und unterhalten sich dabei.

23. Juni 2015

Der Buntsandsteinbruch in der Flanke des Berges: eine rote Wunde im waldgrünen Fell, die nicht so rasch zuheilen wird.

22. Juni 2015

Geographie-Hausaufgabe: mit dem Finger auf den Seiten des Atlas durch Indien reisen und die klangvollen Namen auf der Zunge zergehen lassen.

21. Juni 2015

In aller Frühe fährt die Schülertruppe fort und lässt auf dem Bahnsteig eine Gruppe Gasteltern und -geschwister zurück, die so plötzlich ihrer Aufgabe beraubt etwas verloren dastehen, bevor sie sich auf den Heimweg machen.

20. Juni 2015

Abschlußabend des Schüleraustauschs mit Polen: spontane Musikstücke wechseln sich mit eingeübten Sachvorträgen ab. Nach dem Essen wird eine Polonaise getanzt, und es schwingt ein wenig Wehmut mit, dass die Woche so rasch vergangen ist.

19. Juni 2015

Die alte Frau und ihr junger Hund sitzen nebeneinander und betrachten sich gegenseitig mit demselben liebevollen Blick.

18. Juni 2015

Zwei Gestalten sitzen in Campingstühlen unter der Brücke. Der eine hat gegen die feuchte Regenluft eine knallrote Wolldecke um die Beine geschlungen, beide haben eine Notiztafel auf dem Schoß. Sie sind keine Wohnungslosen, wie man auf den ersten Blick denken könnte, sondern Verkehrszähler.

17. Juni 2015

Durchs offene Autofenster zieht im Vorbeifahren ein süßer Duft herein: die Linden blühen.

16. Juni 2015

Ein junger Mann mit Zylinder, Schlaghosen und Weste: ein Geselle auf der Walz.

15. Juni 2015

Der Autofriedhof direkt neben der Schnellstraße: lauter bunt verrostete Blechquader zu Bergen gestapelt - morbide Schönheit.

14. Juni 2015

Die beiden Teenager zeigen ihrer Austauschschülerin das heimatliche Dorf - sie betrachten es mit den Augen einer Fremden und sehen so die Schönheit und die Vorzüge, die sie im Alltag nicht immer schätzen.

13. Juni 2015

Die drei Mädchen haben Spaß in ihrem Trampolinkäfig, kichern, hüpfen übermütig, dass die schwarzen Locken fliegen und rufen ein "Hallo" zur Straße herüber. Nur das rutschende Kopftuch macht diese wilden Sprünge nicht mit.

12. Juni 2015

Letzter Schultag in dieser Woche: auf dem Bürgersteig springt der Junge mit dem Ranzen auf dem Rücken in wilden übermütigen Hüpfern über unsichtbare Hindernisse.

11. Juni 2015

Auf einer Wiese am Fluss hat ein kleiner Zirkus sein Zelt aufgebaut, daneben stehen wie verlassen die Wohnmobile und Wohnwägen der Darsteller, keiner ist zu sehen. Was für ein Relikt aus den letzten Jahrhunderten, denke ich, und wie schön, dass es das noch gibt - diesen unvergleichlichen Geruch aus Sägespänen und Großkatzen, aus Pferdemist und Popcorn, die aufpeitschende oder beschwörende Musik, die Lichter, die Clowns mit ihren manchmal erschreckenden Späßen.

10. Juni 2015

Zwei Pfingstrosen stecken ihre dicken Blütenköpfe neugierig zwischen den Zaunlatten heraus, um zu sehen, was auf der Straße so vor sich geht.

9. Juni 2015

"Eine kleine Nachtmusik" am sonnigen Nachmittag - der Teenager übt für einen Auftritt am Wochenende, und die Melodien ergänzen wunderbar das entspannte Gezwitscher der Sommervögel draußen. Auf der Baustelle haben sie endlich mal einen Ruhetag eingelegt, alle Rasenflächen sind wohl gemäht, eine beinahe feiertägliche Ruhe ringsum.

7. Juni 2015

Kurz vor dem nächtlichen Spaziergang der Gedanke: ob es schon Glühwürmchen gibt? Und dann die Freude, als tatsächlich ein einziges den dunklen Weg kreuzt auf der Suche nach einer besseren Hälfte.

5. Juni 2015

Wilder Mohn am Rande des grünen Getreidefelds: die zarten Blüten widerstehen doch dem Wind.

4. Juni 2015

Im Abenddämmern werden die Frösche lebendig und geben der sinkenden Sonne ein Abschiedskonzert.

3. Juni 2015

Allein unterwegs im schönen Schloßpark: die vielen Grüntöne von Farn, Laub und Binsen, zwischendrin ein paar pinke Blüten, die Spiegelungen im Wasser, der Gesang und das Rascheln der Vögel, nicht einmal ein Einhorn würde auffallen in dieser zauberhaften Umgebung.

2. Juni 2015

Der junge Mann mit dem alten Auto aus Belgien hat noch einen weiten Weg vor sich, weiß aber nicht so genau, wie er nach Salzburg kommen soll und freut sich, als er die Nummern der Autobahnen und die Namen der wichtigen Autobahnkreuze auf einen Zettel notiert bekommt.

1. Juni 2015

Auf dem Weg zum Bad
schon zehn Fremde begrüßen
morgens beim Camping.

31. Mai 2015

Aus diesem Blickwinkel wirkt die schön restaurierte Windmühle tatsächlich riesig und etwas bedrohlich. Don Quijotes Mut, die in vollem Tempo immer wiederkehrenden schweren Flügel zu attackieren, erscheint da wirklich bewundernswert.

30. Mai 2015

Während oben in der Strandbar Hochzeit gefeiert wird, sind zwei kleine Jungen der Feier entkommen und spielen unten im Sand barfuß in schicken weißen Hosen und blauweiß gestreiften Hemden Fußball.

29. Mai 2015

Beim Verlassen der Eisdiele steigt der Zweijährige auf den Sockel der großen Plastik-Werbeeistüte vor dem Eingang, umarmt sie, und zum Entsetzen seiner Eltern schleckt er sie voller Inbrunst zum Abschied noch einmal ab.

28. Mai 2015

Nächtliche Lichter: Der halbe Mond scheint von oben, und von unten streichen die Lichtwellen des Leuchtturms rhythmisch über die Wolkendecke. Autoscheinwerfer gleiten auf der Erde entlang, und in der Ferne sieht man die Lampen in den Häusern des nächsten Dorfes.

27. Mai 2015

Die drei fröhlichen Jungs haben Verpackungsmaterial am Straßenrand gefunden und sich Schaumstoffteile auf den Kopf gesetzt, nun werden die Papierbögen noch zu merkwürdigen Kleidungsstücken umgeschlungen, und der große Karton ist sicher auch noch zu etwas zu gebrauchen.

26. Mai 2015

Waschtag beim Briefträger: die gesamte Ausrüstung flattert auf der Leine, von der Unterhose bis zum Overall.

25. Mai 2015

Das kleine Haus ist ziemlich heruntergekommen, und doch hat sich jemand die Mühe gemacht, einen Blumenkasten und einen Rolladen auf das Brett zu malen, das die Fensteröffnung abdichtet.

24. Mai 2015

Das alte bäuerliche Anwesen ist liebevoll renoviert, und jemand hat beim Anstreichen sogar den kleinen Ausschnitt im Scheunentor, der für die Katze gedacht ist, mit einem weißen Rähmchen umgeben.

23. Mai 2015

Die alte Schreibmaschine auf dem Flohmarkt, verrostet und verbogen, niemand interessiert sich wirklich für sie. Wie viele Worte sind ihr wohl entsprungen, und welche? Wer schrieb auf ihr?

22. Mai 2015

In vollem Tempo im Uhrzeigersinn durch den Kreisverkehr: die kleine Katze liebt das Risiko.

21. Mai 2015

Die Kastanie, die seit Jahren als Quasi-Bonsai in einem Kübel im Hof wächst, hat heuer zum ersten Mal eine einzige Blüte hervorgebracht. Ob sie dann im Herbst wohl auch ein paar Kastanien abwirft?

20. Mai 2015

Die Schwalben, endlich: schwarze Schreie schießen im Zickzack durch die Luft.

19. Mai 2015

Obwohl es nach Regen aussieht, hat die Gärtnerei die Wassersprenger voll aufgedreht. Im Gegenlicht werfen sie leuchtende Bögen aus Tropfen über die Felder mit Gemüse und Salat.

18. Mai 2015

Auf der Wäscheleine trocknen neben verschiedenen Kuscheltieren zwei Anschauungsobjekte aus Plüsch für den Sexualkundeunterricht. Nicht lustig, findet der Teenager.

16. Mai 2015

Beim Verlassen der Stille des Wormser Doms überschwemmen die Lautsprecherboxen eines Cabrios das Gelände mit ohrenbetäubender Rapmusik.

15. Mai 2015

Die Bruchsteinmauer ist von einem gründlichen Baumeister so gut verfugt worden, dass die beiden Eidechsen auf der Suche nach einem Unterschlupf für die Nacht schließlich aufgeben und sich auf einem etwas weiter vorstehenden Stein die Abendsonne tanken.

14. Mai 2015

Das kleine Mädchen, das selber noch nicht so lange laufen kann, bringt das nun aufmunternd ihrem Püppchen bei, während sie es an den Armen hält und zwischen ihren Beinchen laufen lässt:"Eins, zwei, drei, vier Schritte!"

13. Mai 2015

Das Sanitätsfachgeschäft hat wohl auch die Frühlingsgefühle der Kundschaft im Sinn: heute steht auf der Straße ein Ständer mit lauter BHs (allerdings eher die gesunden und praktischen Modelle in Hautfarbe, keine reizvollen).

12. Mai 2015

Der süße und würzige Duft des frischgemähten Heus zieht zum Fenster herein und lässt lauter nicht mehr ganz greifbare aber schöne Gefühle aus Kindersommern hochsteigen, die damals irgendwie unendlich schienen.

11. Mai 2015

Mai-Wallgang: vorneweg gehen die Messdiener und der Pfarrer, dann die Männer, die Blaskapelle und hinten die Frauen und Kinder als kleine Prozession durchs Grüne, um eine gute Ernte bittend.

10. Mai 2015

Nachtspaziergang mit beinahe allen Sinnen: lauwarme Luft auf der Haut, Grillenzirpen im Ohr, der fast schon dunkle Nachthimmel in den Augen, und in der Nase der Duft von blühendem Flieder.

9. Mai 2015

Der Flohmarkt wird von einem heftigen Regenschauer überrascht, und viele Besucher flüchten sich unter die großen Kastanien am Rand des Platzes. Dort sammeln sich die Schirmlosen nah an die Stämme gedrängt: Studentenpärchen, türkische Ehepaare, Mütter mit Kindern im Wagen und eine elegante Dame mit Plastiktüte auf dem Kopf warten auf das Ende des Platzregens.

8. Mai 2015

Im Supermarkt sitzen die Geschwister einträchtig nebeneinander im Schneidersitz auf dem Boden vor dem Zeitschriftenregal, völlig vertieft in die neuen Comicheftchen. Die Mutter ist irgendwo zwischen den Regalen unterwegs und erledigt ungestört ihre Einkäufe.

7. Mai 2015

Über den Himmel hetzt eine Herde riesiger Wolkentiere, sie verschwinden hinter den Bergrücken, tauchen wieder auf und scheinen ein winziges Flugzeug zu verfolgen, das aber noch schneller ist und entkommen kann.

6. Mai 2015

Ein heftiger Regenschauer geht nieder, während ringsum die Sonne scheint. Zum Ausgleich erstrahlt ein wunderschöner breiter Regenbogen über den Weinbergen.

5. Mai 2015

Nach dem Gewitterschauer haben die kleinen Tierchen, die übers Ziegeldach zu kriechen scheinen, einen nass glänzenden Pelz. (Eigentlich sind es nur Moosbüschelchen.)

4. Mai 2015

Nachmittags auf dem Balkon: handarbeiten bei Vogelgezwitscher, nachbarlichem Geplauder, Blockflötenliedern aus einem offenen Fenster, schwarzen Raben vor weißen Wolken, umgeben von blühenden Bäumen, leichtem Wind und einem Kaffee auf dem Tisch. Mehr Frühling geht nicht.

3. Mai 2015

Eifriges Ein und Aus im Vogelhäuschen an der Wand im Hof. Darunter steht der Wohnwagen, aus dem Winterquartier geholt, wird gelüftet, entmoost, die menschlichen Zugvögel sind genauso emsig am Werk.

2. Mai 2015

Der Liegeradfahrer von weitem: ein schnelles gigantisches Insekt, das auf der Straße entlangrennt.

1. Mai 2015

Rund glatt wunderschön
vom Reiben aneinander
zum Kiesel werden

30. April 2015

Freinacht: mit Bollerwagen voller Essen und Getränke ziehen die Jugendlichen und Junggebliebenen zu ihren Gartengrundstücken. Zwischen den Hecken lodern Feuerchen, Grillgeruch und Musik durchziehen das Tal. Spätnachts grölen die Heimkehrer, denen es doch zu kalt wurde, unterm Schlafzimmerfenster.

29. April 2015

Zeitlose Faszination: auf dem Grundstück gegenüber wird gebaggert, und am Rand stehen als Zaungäste die Möchtegernbaggerführer zwischen 10 und 60 Jahren und schauen zu.

28. April 2015

Der morsche Apfelbaum, der im Winter schon ganz abgestorben aussah, wurde vom Wachsen und Werden des Frühlings mitgerissen und lässt sich nun doch einige junge rosa Blüten stehen.

27. April 2015

In der Baumschule vorsichtiges Blühen in Reih und Glied geordnet - auf dem wilden Acker nebenan ein überschäumendes Blütenmeer, gelb, weiß und rosa bunt durcheinander.

26. April 2015

Die erste Schwalbe fliegt eine Zickzackbahn durch den Hof.

25. April 2015

Nach der kühlen Nacht steigen kleine weiße Nebelfiguren aus dem Main und tanzen im Morgenlicht.

24. April 2015

Der schnieke Luxusstaubsaugervertreter am Ausgang des Supermarkts spart sich die Ansprache, als ich ihm schwer bepackt ein bedauerndes Lächeln samt Kopfschütteln schicke, zwinkert aber verständnisvoll zurück.

23. April 2015

Die letzten Sonnenstrahlen fallen auf ein bunt blühendes Tulpenfeld und lassen die Blüten noch intensiver leuchten, bevor die Nacht die Farben langsam verschluckt.

22. April 2015

Dem alten Haus ist der Efeu bis übers Dach gewachsen, mit dieser asymmetrischen Frisur schaut es etwas verwegen aus.

21. April 2015

Ein einzelner Haubentaucher kratzt einen Keil in den Spiegel des Mains.

20. April 2015

Auf dem Weg zum Bahnhof: "Heimlich, still und leise sind die Bäume grün geworden, gell, Mama?"

19. April 2015

In die Träume der Dorfbewohner mischen sich heute noch vor Sonnenaufgang Blasmusikklänge, erst ein frommes "Segne du, Maria", dann flottere Märsche. Es ist Weißer Sonntag, und so werden die Kommunionkinder feierlich geweckt. (Oder sie schlafen weiter, während die Erwachsenen mit nicht ganz so gesegnetem Schlaf aufwachen...)

18. April 2015

Der achtlos fortgeworfene Apfelbutzen auf der Wiese im Schulhof hat noch einen Interessenten gefunden: ein Amselmännchen ist restlos begeistert von dieser Frühstücksdelikatesse.

17. April 2015

Unter dem Baum im Nachbarsgarten schneit es: Magnolienblüten.

16. April 2015

Zehn Minuten vor dem Wecker erwachen und durchs geöffnete Fenster dem vielstimmigen Vogelkonzert draußen lauschen.

15. April 2015

Die mannshohe Wohnzimmerstehlampe der mittlerweile verstorbenen Nachbarin mit Bommelchen am Schirm und Quaste zum Ziehen steht völlig intakt auf einem Berg Sperrmüll - wird gerettet und darf nach einer Überarbeitung irgendwann ein zweites Leben im Teenagerzimmer beginnen.

14. April 2015

Die junge Frau mit dem langen Pferdeschwanz hat einen Pulli übergezogen, unter dem das Haar verschwindet. Nur unten schaut - tatsächlich wie ein Schwänzchen - die Spitze noch heraus.

13. April 2015

Die Ranken vom letzten Jahr: Schriftzeichen einer fremden Sprache auf den Drahtlinien im Weinberg.

12. April 2015

Die Picknicksaison ist eröffnet - mit Kaffee und Gebäck in den Weinbergen über dem Main im lauen kräftigen Wind und mit Blick auf das heimatliche Dorf am Ufer gegenüber.

11. April 2015

Im Flughafen ein buntes Menschengemisch, dunkelhäutige Zwillingsmädchen ganz in Rosa, die händehaltend hinter ihren Eltern herlaufen, ein japanisches Ehepaar, das in verschiedene Richtungen deutet, der Reinigungsfahrer ist hauptsächlich mit seinem Handy beschäftigt, der Duft der Parfüms aus dem Dutyfreeshop vermischt sich mit Kaffee und Gebratenem, und über allem das Rainmaker-Rauschen der Anzeigetafeln.

10. April 2015

In der Calle San Nicolás singt ein Mann mit voller Stimme Opern, die zwischen den Hauswänden hin- und hergeworfen werden, so dass die Quelle des Gesangs nicht leicht zu finden ist. Da hört der Tenor in seiner abgewetzten Regenjacke plötzlich auf, weil er in die Bar an der Ecke eintritt, wo er einen Kaffee oder ein Glas Wein trinken möchte.

9. April 2015

Niemand hört auf der Plaza de Espana die Amseln gegen den rauschenden Verkehr und den plätschernden Regen ansingen.

8. April 2015

Die Madrider Rentnerin hat einen neuen Wischmopp gekauft und trägt ihn nun stolz wie eine Lanze in die Luft gestreckt nach Hause.

7. April 2015

Im Abendsonnenlicht laufen die Jogger im Stadtpark mit ihren Schatten um die Wette.

6. April 2015

Im Vorüberfahren taucht eine mannshohe Koch-Figur auf, die hoffnungsvoll ihren Daumen in die Höhe streckt: er hat das Stehen vor dem Restaurant wohl satt und will als Anhalter mitgenommen werden.

5. April 2015

Happy hour in Franken: die Orangenscheibe aufgepikst auf den Zwiebelkirchturm.

4. April 2015

Und heute stehen sie vor der Tür, die drei Messdiener in Zivil mit roten Wangen, sagen ein Sprüchlein auf und erwarten Gaben, die sie umgehend in der Sammelbüchse und im Handwagen unterbringen. Der ist schon zur Hälfte mit Süßigkeiten gefüllt, die später hoffentlich gerecht aufgeteilt werden.

3. April 2015

Keine Glocken mehr, die sonst den Tagesrhythmus mit dem Angelus-Läuten bestimmen. Stattdessen laufen die Messdiener und Messdienerinnen an diesem strahlenden Frühlingstag mit hölzernen Ratschen durchs Dorf, nicht ganz so pünktlich wie die Turmuhr, weil sie ja nicht überall zugleich sein können.

2. April 2015

Der Winter gibt noch eine Vorstellung mit ganz großem Theater: Schneegestöber so dicht wie ein Vorhang, der sich schnell wieder hebt, die warme Frühlingssonne beleuchtet die Landschaft des Thüringer Waldes mit überzuckerten Nadelbäumen als Kulisse, dann fällt der Vorhang wieder, um gleich darauf dramatischen Wolken- und Lichteffekten Platz zu machen, das alles wiederholt sich in unzähligen beeindruckenden Akten.

1. April 2015

Verhakt im Geäst -
reiß dich los und segle fort,
du Frühlingswolke!